Kampanien, ein Weinbaugebiet auf dem Weg nach oben – tolle Horizontalprobe von 2005er Weinen
Weine die das Potential bewiesen – alle großartig und noch voll auf der Höhe
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Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der italienischen Weinmesse VitignoItalia, gegründet 2005 und beheimatet in Neapel in Kampanien, wurde ich zu einer horizontalen Vergleichsprobe von Weinen aus dem Gründungsjahr 2005 alle aus Kampanien eingeladen, die am 24.11.2025 im Grand Hotel Santa Lucia in Neapel stattfand. Die Probe diente zugleich dem Zweck, das großartige Potential der Weine Kampaniens unter Beweis zu stellen. Vorneweg mein Gesamteindruck: Die Weine waren hervorragend, noch voll auf der Höhe und stellten das Potenzial der Region echt unter Beweis. So gibt es in Kampanien durchaus viel zu entdecken.Kampanien oder italienisch Campagna
ist die Region um Neapel. Auch wenn der Weinbau dort kein so geschlossenes Gebiet darstellt, wie wir es von anderen Regionen kennen, beträgt die Rebfläche doch um 41.000 ha. (Zum Vergleich: Das größte deutsche Weinbaugebiet, Rheinhessen, umfasst um 27.000 ha.) Sehr interessant sind die Terroirs. Das Gebiet gliedert sich in fünf Unterregionen: mit Caserta, Napoli und Salerno drei an der Küste mit mehr mediterranem Seeklima, sowie mit Benevento und Avellino zwei im Landesinnern mit Festlandsklima, in deren westlicheren Teilen sich viele Böden sprich Terroirs mit Vulkanascheauflagen finden, in welche die Rebwurzeln tief eindringen können.
Insgesamt sind 15 DOC- und 4 DOCG-Gebiete ausgewiesen, die sich auch auf der beigefügten Karte finden, mit festgeschriebenen Qualitätskriterien, insbesondere der zugelassenen Rebsorten. (DOC bedeutet Denominazione di Origine Controllata und damit Qualitätswein. DOCG, Denominazione di Origine Controllata e Garantita, bildet die höchste Stufe. Und alle gelten zugleich als DOP - geschützte Ursprungsbezeichnung.) Näheres zu den DOC- und DOCG-Gebieten Kampaniens. Natürlich gibt es eine Fülle autochthoner Reben, doch die wichtigsten Sorten bilden die weiße Falanghina sowie der rote Aglianico, der vor allem auf Vulkanböden prächtig gedeiht. Es gibt nur wenig größere Weingüter doch viele kleine Familienbetriebe, die als Traubenproduzenten Genossenschaftsmitglieder sind oder an größere Betriebe abliefern.
Zu den verkosteten 2005er Weinen - insgesamt sieben:
1. „Facetus“ 2005 Taburno Falanghina DOC, Weingut Fontanavecchia
in 82030 Torrecuso (BN), zu dem ich notiert habe: Sehr feiner auch nach 20 Jahren topreiner sehr präsenter Duft mit Noten von getrockneten Aprikosen, Williamsbirnen, Vanille; am Gaumen sehr kompakt, erstaunlich frisch, bestens balanciert, dezent salzig mit noch sehr lebendigem Finish, das ebenfalls leicht salzig verklingt. Zu 100% auf Vulkanböden gewachsen. Die 2005 noch geltende DOC Bezeichnung wurde inzwischen geändert und umfasst nun ein größeres Gebiet unter der Bezeichnung Falanghina del Sannio DOC.
Die 15 Hektar des Weinguts liegen auf rund 300 m Höhe an den Hängen des Taburno im Landesinnern. Facetus bildet die beste Lage.
2. „Pietraincantenata“ 2005 Cilento Fiano DOP von der Azienda Agricola Luigi Maffini
Ein Fiano, eine autochthone Weißweinrebe Süditaliens: Gut gereifter delikater Duft, rund, mit Noten von kandierten Früchten; auf der Zunge sehr kompakt, ein Genuss, feine Frucht, sehr gut ausbalanciert und wunderbar abgeschliffen; langes Finish, sehr elegant, changierend zwischen Eleganz und würdiger Reife. Tolles Potenzial! Das Cilento liegt im Süden Kampaniens näher der Küste. Das Weingut in 84050 Giungano (Sa) wird von der Familie Maffini geleitet und bewirtschaftet über 14 ha Reben auf lehm-kalkigen Böden.
Das Cilento im Süden Kampaniens grenzt an die Küste. Luigi Maffini und seine Ehefrau Raffaella Gallo hatten beide in Neapel Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Önologie studiert und Anfang der 90er Jahre beschlossen, sich auf dem Gut, wo Luigis Vater einst einen kleinen Weinberg angelegt hatte, den Traum eines eigenen großen Weinguts zu erfüllen. Heute werden biologisch zertifiziert fast 20 Hektar Reben bewirtschaftet und dies mit großer Leidenschaft. Die Reben erstrecken sich überwiegend auf den Anhöhen des Küstengebirges mit kalkigen Böden über 84050 Giungano (Sa). Inzwischen thront darüber ein großes Gutsgebäude mit modernen Kellern. Gerne berät man sich auch mit dem Önologie-Professor Luigi Moio, der das Top-Weingut Quintodecimo ebenfalls in Kampanien betreibt (siehe unten).
3. „Fiodora“ 2005 Costa d’Almalfi DOC, Cantine Marisa Cuomo:
Schon die goldene Farbe fällt auf; in der Nase dann einnehmende Reife mit Noten von Honig und Karamell; auf der Zunge wunderbar rund zum drin baden mit Anklängen an Pfirsichkompott und sanftem Pfeffer im Untergrund, der einen bis ins Finish begleitet umhüllt von Reife. Ein gehaltvoller delikater Tropfen. Das DOC-Gebiet liegt südlich von Neapel an der gleichnamigen Küste (siehe Foto im Header). Seit ihrer Gründung im Jahr 1980 ist die Cantine Marisa Cuomo das Weingut von Andrea Ferraioli und Marisa Cuomo und erstreckt sich über 10 Hektar Land. Die Häuser in 84010 Furore (SA), der Heimat der Cantine, ebenso wie die Reben scheinen förmlich an der bis zu senkrechten Felsküste über der See zu kleben.
4. „Vigna Quintodemico“ 2005 Taurasi DOCG Riserva, Quintodecimo Società Agricola
Schon die Farbe dieses weißen Falanghinas in Richtung Rotgold verrät einen gereiften Wein, so in der Nase ein richtiger Sherry, doch blitzsauber mit Noten von Krokant und Karamell; dann folgt ein überraschend lebendiger Körper, sehr trocken und echt interessant, wie eine alte Bibliothek, geradezu aristokratisch; im Finish alles zusammenfassend ein großartig eleganter Sherry von hoher Qualität.
Wie die Karte zeigt, liegt das DOCG-Gebiet Taurasi sowie der Ort 83036 Mirabella Eclano AV, zu dem das Weingut gehört, tief im Inneren Kampaniens und profitiert von den höheren Niederschlägen am Rande der Apenninen. 2005 war noch Falanghina als Taurasi DOCG zugelassen, heute auf Aglianico beschränkt.


Die treibende Seele des Weinguts, Prof. Luigi Moio, der zugleich als Präsident des OIV (International Organisation of Vine and Wine), der weltweite Weinbauverband, fungiert: „Wein hat mein ganzes Leben geprägt. Eine Partnerschaft, die schon in meiner Geburtsstunde begann, im Weingut meines Vaters Michele Moio, einem traditionsreichen kampanischen Erzeuger, der in den 1950er Jahren den Falerno, jenen berühmten Wein der alten Römer, wiederbelebte. Zuhause und Weinkeller waren eins, und mein Vater zog mich fast spielerisch schon früh in seine magische Welt hinein. So war es nur natürlich, dass ich Önologie studierte, Meine Leidenschaft für die wissenschaftliche Forschung führten mich zu einem Forschungszentrum im Burgund, wo ich mich von 1990 bis 1994 intensiv mit den wissenschaftlichen Aspekten des Weinaromas auseinandersetzte.“
5. „Pago dei fusi“ 2005 Taurasi DOCG, Terredora di Paolo Società Semplice Agricola:
Ein roter Aglianico in der Farbe schon mit deutlichen Goldblitzen, welche die Reife verraten; sehr lebhafter Duft mit Noten von Kirschlikör, der den Alkohol erahnen lässt; am Gaumen ein reifer, sehr ausgewogener Körper, fein abgeschliffen überhaupt nicht müde, mit noch guter Säure und gut balanciert mit einem lebendigen Finish. Ein Wein von wunderbar gezügeltem Temperament.
Gegründet 1978 darf sich das 200 Hektar Weingut Terredora di Paolo führend in Kampaniens Weinbau-Renaissance fühlen. Denn die einst von den Römern geschätzte Region war auf Grund politischer Wirren und insbesondere der Reblausmisere heruntergekommen. Das Familienweingut geht auf Walter Mastroberardino zuück, ein zäher Süditaliener, der schon bald nach dem zweiten Weltkrieg mit den ersten Flaschen in dem geerbten Weingut begann. 1978 konnte er dann weitere Güter dazu erwerben und errichtete einen Weinkeller in Montefusco, das in der Innerlandregion Avellino liegt, die zu der Zeit noch wenig kultiviert war. Heute ist die Leitung an seine Kinder Paolo und Daniela Mastroberardino übergegangen.
6. „Vigna del Vulcano“ 2005 Vesuvio DOP Lacrymona Christi bianco, Cantine Villa Dora
Für deren Rotweine die Sorten Piedirosso und Aglianico im Vordergrund stehen: Sehr kräftige Farbe; in der Nase ein großartiger gut gehaltener Rotweinduft mit Noten von Schattenmorellenkompott, Bitterschokolade, Nougat und einem Hauch Teer; auf der Zunge rund mit sehr schönem Finish, balancierend zwischen ruhigerer Reife und gereiftem Temperament.
Die 12 Hektar des Weinguts erstrecken sich an den Hängen des Vesuvs auf einer Höhe von 250–300 Metern. Forschung und ständige Weiterentwicklung lautet die Devise der Cantine Villa Dora in 80040 Terzigno. Bereits seit 2001 arbeitet man mit renommierten Önologen zusammen und betreibt außerdem auch einen Olivenhain. Aus der DOP Vesuvio Lacrymona Christi bianco kommen Weiß-, Rot- und Roseeweine. Denn ‚bianco‘ bezieht sich auf das Gebiet und nicht auf die Weinfarbe.
7. „Vigna Camarato“ 2005 Falerno del Massico Rosso DOC, Azienda Vitivinicola Villa Matilde Avallone:
Sehr lauter Duft mit viel Frucht, mit Noten von Kirschplotzer, Kirschlikör, Schattenmorellenkompott; vollmundiger Körper mit interessanter Frucht wie Sanddorn sowie einem Hauch Orangenschale, dezent salzig; elegantes sehr ausgewogenes Finish. Die DOC Falerno del Massico liegt im Norden Kampaniens an der Küste.
Die Geschichte der Villa Matilde Avallone beginnt in den 1960er Jahren mit Francesco Paolo Avallone, einem Juristen mit lebhaftem Interesse an den Weinen der Antike. Fasziniert von Plinius Erzählungen und den Versen von Vergil, Martial und Horaz über den Falerno, beschloss er, diesen legendären Wein, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts verschwunden war, wiederzubeleben. Mit der Unterstützung von Freunden, darunter mehrere Professoren der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Neapel machte er sich auf die Spur der antiken Sorte Falerno. Einige wenige dieser Reben, welche die Reblausplage im späten 19. Jahrhundert wie durch ein Wunder überlebt hatten, wurden mit Hilfe lokaler Bauern genau dort wieder angepflanzt, wo sie einst prächtig gediehen: im Massico-Gebiet. So gründete er dort die Villa Matilde Avallone. Heute wird das Unternehmen von seinen Kindern, Maria Ida und Salvatore Avallone geleitet.
Text: Dieter Simon, Herausgeber und Chefredakteur bonvinitas. Fotos: PR, sofern nicht anders angegeben.










